Die Spur der Steine

Sachsens Bäche und Flüsse sind gemütlich. Meistens. Doch wehe, wenn sie losgelassen! Deshalb spielt Hochwasserschutz im Freistaat eine tragende Rolle.

Der Volksmund weiß: „Wasser hat keine Balken.“ Davon kann leider auch Döbeln ein Lied singen. Die Stadt hatte unter den Jahrhunderthochwassern 2002 und 2013 schwer gelitten: Während der ersten Flut stand das Wasser im Ort bis zu 4,80 Meter hoch und überflutete eine Gesamtfläche von mehr als 281 Hektar. Vor sechs Jahren war das Wasser in der Stadt zwar „nur“ 3,80 Meter hoch, aber die überschwemmte Fläche summierte sich wegen zwischenzeitlicher Eingemeindungen auf 400 Hektar.

Zukunftsinvestitionen

Wen wundert es da, dass sowohl der Freistaat Sachsen als auch die Stadt Döbeln und die Stadtwerke Döbeln den Hochwasserschutz weit oben auf ihrer Prioritätenliste stehen haben? Allein in Döbeln verursachten die Fluten Schäden in Höhe von insgesamt 240 Millionen Euro. Für 2002 gibt Döbeln die Schadenshöhe mit 154 Millionen Euro an, für 2013 mit annähernd 86 Millionen Euro. Wiederholen soll sich das nie, und dafür wird kräftig investiert. Seit 2002 hat der Freistaat über 2,6 Milliarden Euro für Hochwasserschutz ausgegeben. Bis 2023 sollen weitere 630 Millionen Euro hinzukommen. Zugegeben – Hochwasserschutz ist in der Bevölkerung wenig beliebt, weil Baustellen Stress und Unbehagen mit sich bringen. Doch Hochwasserschutzbaumaßnahmen sind Investitionen in die Zukunft, auch zum Schutz der nächsten Generationen. Derartige Baumaßnahmen dürften uns noch einige Jahre begleiten. In Döbeln laufen die Arbeiten zum Hochwasserschutz seit 2009. Das Gesamtprojekt wurde in mehrere Bauabschnitte untergliedert. Ein Teil der Hochwasserschutzlinie ist bereits fertiggestellt. So wurde an der Ritterstraße zwischen 2009 und 2011 schon eine Hochwasserschutzwand errichtet. Weitere Bohrpfahlwände entstehen gegenwärtig zwischen den Brücken Straße des Friedens und Johannisstraße sowie zwischen der Brücke Bahnhofstraße und Steigerhausplatz. Eine große Entlastung für Verkehrsteilnehmer gibt es voraussichtlich im Oktober, wenn der als Spannbetonbrücke ausgeführte Ersatzneubau der Brücke Straße des Friedens seiner Bestimmung übergeben wird.

Diamanten knacken Fels

Apropos Brücke: Die nach dem Hochwasser 2002 von den Stadtwerken Döbeln errichtete Flutmulde-Überführung für Versorgungsleitungen zwischen den Stadtwerken und dem Steigerhausplatz war mittlerweile veraltet – sie wurde durch eine bessere Alternative ersetzt. Genau wie unter dem Ärmelkanal verläuft jetzt auch unter der Flutmulde ein Tunnel. Dessen Durchmesser ist deutlich geringer, muss er doch nur Stromkabel für Nieder- und Mittelspannung sowie eine Erdgasleitung aufnehmen. Eine Spezialfirma aus Halle realisierte diese Dükerung im Horizontal-Spülbohrverfahren. Dabei fräst sich ein mit Industriediamanten besetzter Bohrkopf ferngesteuert durch den Untergrund. In Döbeln traf der Bohrkopf auf eine Felsformation. Gegen den Diamantbohrer hatte sie keine Chance – so fein wie Sand zermahlen, wanderte das Gestein zum Abtransport.

Punktgenau gelandet

Die drei Bohrungen endeten in einer Grube auf dem Steigerhausplatz, rund 130 Meter vom Startloch auf dem Gelände der Stadtwerke entfernt. Dabei musste exakt gearbeitet werden, denn auf dem Steigerhausplatz steht eine im Vorjahr für den Hochwasserschutz errichtete Bohrpfahlwand. Die darin bereits vorgesehene Aussparung für die Leitungsverlegung sollte zentimetergenau getroffen werden. Gesagt, getan. Die Erdgasleitung war aus jeweils zwölf Meter langen Stücken zusammengeschweißt und anschließend am Bohrkopf befestigt und eingezogen worden. Empfindlichere Stromleitungen würden eine solche Prozedur nicht überstehen. Aus diesem Grund hatten die Stadtwerke Döbeln für die Stromleitungen jeweils drei Leerrohre vorgesehen. Anschließend wurden die Stromkabel in die Leerrohre verlegt.

Doppelt hält besser

Doch warum drei Leerrohre für Stromkabel – normalerweise würde doch ein Kabel genügen? Im Prinzip schon, allerdings gehen die Stadtwerke Döbeln kein Risiko ein und verwenden diese doppelte Führung für doppelte Sicherheit. Hinzu kommt, dass das Döbelner Stromnetz im Ringschluss arbeitet. Dabei lassen sich Fehler – beispielsweise im Rahmen suboptimal geplanter Erdarbeiten – schneller lokalisieren und beheben. Der Ringschluss gewährleistet eine fast unterbrechungsfreie Stromversorgung.